Gastbeiträge

AROUND THE WORLD – Gangerl Clemens

Servus und Hallo an alle Aussteiger und die, die es noch werden wollen!

Ich habe bemerkt, dass es nicht wenige Menschen gibt, die von einem Leben als Aussteiger träumen, aber nicht wissen, wie sie das längere Zeit oder bis zum Lebensabend umsetzen können. Ohne das nötige Kleingeld in der Tasche schrecken viele vor dem Wagnis Ausstieg zurück. Wenn man dann noch im Fernsehen die Beiträge über gescheiterte Auswanderer zu sehen bekommt, steigt die eigene Unsicherheit über einen gelungenen Ausstieg vielleicht noch mehr.

Heute schreibe ich hier, weil ich euch ein wenig von meinen Erfahrungen berichten möchte, durch die ich zu dem Schluss komme, dass es nur die eigene Einstellung und der unbedingte Wille sind, die wie so oft den Erfolg bringen. Alles Kopfsache, also nur Mut!

Ich bin 76 Jahre alt und habe mit Ende 60 beschlossen, auch mit dem Computer umgehen können zu wollen. Vorher habe ich noch nicht einmal den Knopf zum Anschalten gefunden. Zumindest kann ich euch deswegen etwas von mir schreiben. Aber viel spannender ist mein Aussteigerleben, das ich seit genau 30 Jahren führe.

1975 besaß ich eine eigene Kunstschmiede mit mehreren Angestellten, was ich mir aus ärmlichen Verhältnissen abstammend selbst erarbeitet habe, war gut in der örtlichen Gesellschaft integriert, hatte jede Menge Hobbies, alles lief hervorragend. Aber da war der Traum, ein Leben abseits dieses Alltagstrotts zu führen. Als begeisterter Segler besorgte ich mir kurzentschlossen Pläne zum Bau einer eigenen Segelyacht. Als schier unüberwindbares Hindernis erschien es mir damals und auch noch heute, wenn ich mir diese Pläne ansehe.
Nebenbei führte ich ein gut gehendes Wirtshaus mit Hotel, restaurierte Oldtimer, war auf fast jeder Tanzveranstaltung unterwegs und hatte wegen meines Lebensstils recht wenig Schlaf. Gut, ich hatte es mir so ausgesucht. Manchmal kam ich echt wie am Zahnfleisch daher gekrochen. Zwischendrin war ich mehrmals kurz vorm Aufgeben des Projekts Yachtbau und Aussteigerleben, zu viel hat mich zu dieser Zeit an mein bürgerliches Leben gebunden, zu viele Schwierigkeiten waren aufgetaucht. Aber ich hatte es mir eingebildet, ich wollte unbedingt weg, um fremde Länder, Kulturen und Menschen kennenzulernen. Mein Fernweh und die Lust auf ein anderes Leben waren einfach viel zu groß! Also habe ich mich zusammengerissen und alles mit harter Arbeit geschafft. Auch wenn es über 12 Jahre gedauert hat, aber ich konnte 1988 mit meiner 18 Tonnen schweren Stahlyacht endlich abhauen.

Mit meiner Freundin und ihrem Yorkshire-Terrier startete ich in Regensburg die Donau abwärts in Richtung Schwarzes Meer. Über das Mittelmeer und die Kanaren ging es über den Atlantik nach Venezuela. Durch den Panamakanal ging es weiter in die Südsee. Und spätestens dort habe ich keine Sekunde meiner Mühen, diesen Traum wahr werden zu lassen, bereut, weil ich gut drei Jahre von Atoll zu Atoll gesegelt bin und erstmals die schönsten Seiten des Aussteigerlebens genießen konnte. Mir sind die besten und liebsten Menschen begegnet. Hauptsächlich Insulaner und Menschen, die nicht aus unserer zivilisiert-geordneten Welt stammen, haben mir es angetan. Nachdem meine Freundin nach gut vier Jahren gemeinsamer Weltumsegelung auf Fidschi das Boot verließ, um nach Hause zurückzukehren, war ich ab da Einhandsegler. Es gab viele Situationen, die sich alleine nur schwer meistern ließen, aber da musste ich durch, um mein Leben weiter so zu führen, wie ich es mir immer erträumt hatte. Ich war viele Male im Knast, wurde oft von Dieben oder auch korrupten Beamten ausgeraubt und mehrmals von bewaffneten Piraten des Nachts überfallen. Sogar mit Waffengewalt musste ich mich meines Lebens erwehren. Einige Jahre später, als ich auf dem Landweg von Südafrika nach Bayern unterwegs war, wurde ich auf meiner Reise auch mehrmals im Knast eingesperrt und gefoltert, weil man mich für einen Autoschieber oder auch mal für einen Spion hielt. Und als „Weißer“ muss man fast immer bezahlen. Das war hartes Brot!

Wieder zurück in Deutschland war ich dann pleite. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, wieder als Kunstschmied zu arbeiten und das geregelte, deutsche Leben zu führen. Es zog mich wieder auf mein Schiff, das in Afrika in einem Fluss auf mich wartete. Den Kopf ließ ich aber nicht hängen, ich begann Vorträge über meine Reisen zu halten. Eine gute Idee, denn man rannte mir die Bude ein und ich bekam in der Summe gutes Geld zusammen, um mein Schiff, das laufend nach Investitionen dürstet, wieder auf Vordermann zu bringen. Und so zog ich mich auch da wieder aus dem nahenden Abgrund und konnte mein Leben, von dem ich immer geträumt hatte, genauso abenteuerlich weiterführen wie zuvor.
Einige Jahre später dann der absolute Tiefpunkt! Ich verlor meine Yacht vor den Seychellen, mein Zuhause und mein ganzer Besitz. Das Schiff, in das ich so viel Energie, Geld und Arbeitszeit gesteckt hatte. Ich war am Boden zerstört! Dem Schaden nicht genug, haben sich Diebe und Beamte meine restlichen Habseligkeiten angeeignet und hohe Auslöse dafür verlangt. Etwas Glück hatte ich dann allerdings und konnte von meinen letzten Ersparnissen eine deutlich kleinere Segelyacht zu einem guten Preis erstehen. Mit Vortragsreihen und Chartergästen an Bord konnte ich mich in den nächsten Jahren über Wasser halten und meine Reise fortsetzen.

Heute lebe ich sehr sparsam, muss meine Ausgaben immer gut überdenken, da der Unterhalt meines Schiffes nicht günstig ist und meine Inlandstouren auch Geld verschlingen. Aber, und das ist meine Botschaft an euch, es gibt immer eine Lösung, selbst aus ganz vielen ausweglos erscheinenden Situationen! Solange man einigermaßen gesund ist sollte man sich immer bemühen. Ob man es wie ich mit Vorträgen über die Reisen macht, ob man einen Blog mit Reiseberichten oder einen Youtube-Kanal hat, ob man schöne Fotos an Agenturen verkauft oder unterwegs am Computer irgendwelche Aufträge erledigt, es findet sich mit genügend Vorstellungskraft immer ein Weg.

Ich kann meinen Traum weiter so leben, aber, obwohl ich wie gesagt nicht mehr der Jüngste bin, beanspruche ich meinen alten Body sehr stark und regelmäßig. Nach einem Ärztepfusch hätte ich fast mal ein Bein verloren, das jeden Tag schmerzt. Das hielt mich aber nicht vom Bergsteigen im Himalaya ab oder von meiner Reise über die Seidenstraße. Ein Arzt hat mir vor langer Zeit mal begreifbar gemacht, dass der Mensch erst 10 Prozent seiner Energie verbraucht hat, wenn er zum ersten Mal sagt „ich kann nicht mehr“.

Ich hoffe, dass meine Erfahrungen dem ein oder anderen bei manchen Unsicherheiten ein positives Leitbild sein können. Ein paar Bilder hänge ich hier von meinem Leben an, vielleicht fühlt sich dann jemand erst recht ermutigt, den Schritt zum Ausstieg zu wagen. Ich habe zwar keinen dieser „Blogs“, ich nenne es Reiseberichte. Und von denen stehen einige auf meiner Webseite sy-bavaria.de. Ab Oktober 2018 werde ich wieder Vorträge über mein Leben und meine Reisen halten, vielleicht auch in Eurer Nähe. Wann und wo die Vorträge stattfinden, werde ich auf meiner Facebook-Seite „Gangerl Clemens“ veröffentlichen.

Euer SeeWolf Gangerl


Vielen Dank Gangerl für dein wundervollen Beitrag, der Mut macht und auch zeigt, dass sich Hartnäckigkeit auszahlt.
Wer mag hier noch mal vertont:

Die Links zu Gangerls Seiten, auf denen es noch mehr wundervolle Bilder und Impressionen gibt, sowie die Übersicht zu den Vorträgen:

Abenteuerer Wolfgang Clemens und seine Segelyacht Bavaria II

Gangerl bei Facebook

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